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Ich entscheide mich, alles aufzuschreiben

Die Zeit der ersten gedanklichen Sortierung, des »wieder ins Gedächtnis rufens« vieler Erlebnisse, teils positiv, teils negativ und teilweise schwer belastend, hat bei mir immer wieder sehr schmerzliche Erinnerungen hervorgerufen. Irgendwann, den Zeitpunkt kann ich heute nicht mehr genau bestimmen, habe ich, nach langem Hin und Her, den Entschluss gefasst, meinen Weg in die Erkrankung und meine Genesung schriftlich festzuhalten und damit aufzuarbeiten. Niederzuschreiben, um einerseits das Erlebte intensiv Stück für Stück zu reflektieren, und andererseits, um direkt betroffenen Menschen oder auch deren Angehörigen die unterschiedlichen Ausprägungen der Alkoholsucht zugänglich zu machen.
Bedingt durch meine langjährige Erkrankung, die damit verbundenen Erfahrungen und die sich durch die konsequente Arbeit sowie eine intensive Unterstützung von außen entwickelnde Heilung bin ich heute gesund, aber nicht geheilt. Was genau diese Unterscheidung bedeutet, erläutere ich in einem separaten Kapitel näher.

Ein Blick zurück in die schmerzvolle Zeit

Nach langen Jahren voller Schmerz, Kummer und teilweise unvorstellbarem Leid für mich, aber vor allem für meine Familie stehe ich nun an einem Punkt in meinem Leben, von dem aus ich »aus dem Sonnenlicht zurück in den dunklen Schatten« blicke. Es fühlt sich sehr befremdlich an. Obwohl das Ganze gerade einmal 14 Jahre zurück liegt, kommt es mir so vor, als hätte ich viele Jahrzehnte Abstand, ja, manchmal, wenn meine Gedanken in die Vergangenheit eintauchen, nehme ich mich mehr als einen Beobachter oder eher als fiktiven Zuhörer meiner selbst wahr, der all diese Geschehnisse aus einer sicheren Distanz und vor allem als Unbeteiligter verfolgt.
Beim Schreiben stellt sich, je nach der emotionellen Tiefe, in die ich in mein damaliges Leben eintauche, bei mir vorübergehend manchmal das Gefühl ein, dass es vielleicht gar nicht so schlimm war. Auch stelle ich mir ab und zu die Frage, ob das alles denn überhaupt jemanden interessiert. Mich daran zu erinnern, dass ich bei weitem kein Einzelfall bin, holt mich dann jedoch wieder zurück. Heute frage ich mich oft, wie es so weit kommen konnte bzw. warum ich die Entwicklung nicht schon viel eher bemerkt habe. Ich frage mich auch, wie es sein konnte, dass mir, trotz vieler, teils deutlicher Hinweise aus meinem unmittelbaren und mittelbaren Umfeld, meine Veränderungen an meinem eigenen Wesen nicht aufgefallen sind und warum ich die zahlreichen Zeichen nicht annähernd richtig deuten konnte.

Meine eigene Entwicklung

Meine Entwicklung war geprägt von Zeiten der Liebe, der Freunde und Glückseligkeit, aber auch, von einem gewissen Zeitpunkt an, von Zeiten der Sehnsucht, der tiefen Traurigkeit und dem Gefühl einer unerträglichen Einsamkeit. Bedingt durch mein Elternhaus und, wie mir erst heute klar ist, durch mein eigenes Wesen im Zusammenwirken mit meinem Umfeld, haben sich frühzeitig feste Verhaltensmuster bei mir eingestellt. Verhaltensmuster, die ich zum einen aus der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, zum anderen aus dem Willen zum Überleben heraus entwickelt habe.
Wir alle, dessen bin ich mir ganz sicher, sind erfüllt von einer tiefen Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Geborgenheit. Das Nichterreichen oder auch Bewahren dieser wertvollen Güter ebnet den Weg in eine Erkrankung, die sich schleichend und somit oftmals unbemerkt entwickelt. Wenn wir den Kontakt zu uns selbst verloren haben, dann sind wir naturgemäß auch nicht in der Lage, einen wirklichen Kontakt zu anderen Menschen bzw. Lebewesen aufzubauen. Die zwangsläufig daraus entstehende Isolation zu uns selbst und zu anderen Lebewesen macht uns einsam und verletzbar. Wir sind soziale Wesen und können deshalb auf Dauer in der Einsamkeit nicht überleben.
Aus dieser Situation heraus, gekoppelt mit der sich abzeichnenden Perspektive, dass unser Zustand womöglich so bleiben wird, entwickeln wir Mechanismen, um den Schmerz abzustellen oder zumindest ein Stück weit zu lindern. Aus der Sehnsucht (nach Lebensqualität) heraus suchen wir uns Methoden bzw. Hilfsmittel, die uns dahin bringen können. Hilfsmittel, die uns Besserung versprechen oder in Aussicht stellen … scheinbar.

Mein Überlebenstherapeut

Dass ich noch am Leben bin, verdanke ich, neben meinem ersten und zweifelsohne wichtigsten Therapeuten, vor allem meinem langjährigen Kardiologen (im Weiteren nenne ich ihn deshalb »Überlebenstherapeut«), der sich im Rahmen unserer Zusammenarbeit für mich zum zweiten Suchttherapeuten entwickelt hat. In der kritischen Phase meines Lebens ist mein Kardiologe vorbehaltlos bei mir geblieben und das als Einziger, nachdem alle anderen aufgegeben hatten. Mehr als einmal bin ich in einem schlimmen Zustand in seiner Praxis aufgeschlagen und er hat sich viel Zeit genommen und versucht, mich zu verstehen. Im Blick hatte er damals sicher auch unsere Familie als Ganzes.

Ein Mittel, mit dem es mir schlagartig besser geht

Allein in meinem für mich beklemmend wirkenden Zimmer öffne ich die Rotweinflasche, gieße mir ein Trinkglas voll ein und kippe es auf einmal in mich hinein. Bis zu diesem Zeitpunkt besteht mein Alkoholkonsum aus einer Flasche Bier bei einem gelegentlichen Fest oder einer sonstigen gesellschaftlichen Zusammenkunft. Klassenfeiern habe ich damals ver-abscheut, weil sich immer wieder die gleichen Mitschüler exzessiv betrunken haben und das auch noch als großartig eingestuft wurde. Ich kann mich deshalb noch so genau daran erinnern, weil ich eigentlich zunächst nur einen Schluck trinken will, die Sehnsucht nach Besserung jedoch so groß ist, dass ich nicht aufhören kann, bevor das Glas geleert ist. Mein Körper nimmt den Stoff mit leerem Magen schnell auf und …
… es ist ein wunderbares Gefühl …
in wenigen Augenblicken nehme ich den ca. 10-prozentigen Rotwein (ca. 0,25 l) auf und die Wirkung stellt sich schon nach ein paar Sekunden ein.

Entspannt, ruhig und glücklich habe ich eine neue Erkenntnis gewonnen, die mein Leben verschönert und das nicht unerheblich. Etwas wissenschaftlicher betrachtet ist es zunächst ein Experiment mit sehr positivem Ergebnis, dessen Langzeitwirkung in keiner Weise von mir erkennbar ist. Meine frühere Abneigung gegen den Alkohol habe ich mit einem Mal einfach abgelegt und diese Wandlung fällt mir noch nicht einmal wirklich auf. Ich bin zufrieden damit, dass ich es mir jetzt »nach Bedarf gutgehen lassen kann« wann immer ich will. Dass der Alkoholkonsum vielleicht irgendwann Nebenwirkungen haben könnte, fällt mir damals nicht im Traum ein – ich bin leicht benebelt und gleichzeitig in einem glücklichen Schwebezustand.

Rückfall nach drei Wochen stationärer Therapie

Ich stehe also im Supermarkt und suche etwas zum Essen. Eine große geräucherte Salami und ein paar Brötchen finde ich auch schnell und gehe in Richtung Kasse. Meine innere Anspannung, gepaart mit dem unzureichenden Abstand zum Alkohol und ergänzt um mein vorher beschriebenes Frauenthema, hat meine Selbstwahrnehmung in dieser Situation krass eingeengt bzw. verfälscht. Ich hatte das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben.
Jetzt, da ich das niederschreibe, fühlt es sich für mich an, als ob es gerade eben passiert ist, obwohl es Ende Oktober 2001 stattfand. Ich sehe genau den Abend mit all dem, was dann noch passiert. Von meiner aktuell mich seit ca. 10 Jahren begleitenden Therapeutin weiß ich, dass mich genau diese Wahrnehmung bzw. dieses Bewusstsein (was in so einer Situation mit welchen schlimmen Folgen passieren kann) vor einem Rückfall schützt. Darauf gehe ich im Teil IV im Abschnitt »Was mich vor einem Rückfall schützt« näher ein.
Ich gehe also in Richtung Kasse und freue mich darauf, mich nach 3 Wochen endlich wieder einmal satt essen zu können. Danach arbeite ich natürlich wie gewohnt weiter in meiner Therapie – dachte ich zumindest. In der Nähe der Kasse bleibe ich am Alkoholregal beim hochprozentigen Teil stehen – und – nehme mir eine 0,7-Liter Flasche 40%igen Chantre mit. Die Flasche nehme ich mit, um an nächsten Tag im Komitee zu zeigen, dass ich mittlerweile kein Alkoholproblem mehr habe. Eine aus heutiger Sicht idiotische Selbstüberschätzung.

Der Alkohol wird mir fehlen - dachte ich anfangs

Zu Beginn meiner Abstinenzzeit hatte ich immer wieder das Gefühl, ich werde ein Leben lang mit dem mir fehlenden Alkohol klarkommen müssen. Ohne Alkohol einfach zu leben, ohne das Gefühl, es fehlt mir etwas Wichtiges, konnte ich mir anfangs nicht vorstellen. Mit jedem Jahr Abstand hat sich dies jedoch deutlich verändert. Nach etwa 5 Jahren Abstinenz (so zumindest meine ungefähre Erinnerung) war das Gefühl, es fehlt mir vielleicht ab und an etwas, komplett verschwunden.
Es ist also ein Trugschluss bzw. eine sehr destruktive Einschätzung von anderen Menschen (betroffen oder nicht) zu behaupten, dass der Alkoholiker ein Leben lang gegen den Alkohol ankämpfen muss. Und ein kontrolliertes Trinken macht nach einer gewissen Zeit auch gar keinen Sinn mehr, denn das Bedürfnis danach stellt sich gar nicht mehr ein. Allerdings weiß heute niemand, wie lange es dauert, bis dieser Zustand beim Einzelnen erreicht wird.

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